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Das Clearing-Haus in Ochtrup für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) hat seine Arbeit aufgenommen!

Aufgrund der politischen Situation im Nahen Osten und vielen afrikanischen Staaten bekommt die Arbeit mit Flüchtlingen einen zunehmend aktuellen Stellenwert, der vor noch nicht all zu langer Zeit in dieser Form noch nicht absehbar war.

Daher sind wir froh, dass unser neues Hilfeangebot jetzt, zum November 2014, seine Arbeit aufnehmen konnte.

Das Team des Clearing-Hauses hat zum 1. Oktober die Arbeit aufgenommen und war in den ersten Tagen und Wochen damit beschäftigt, sich als Team mit den Themenbereichen zum Clearingverfahren, den Herausforderungen des Asylbewerberleistungsgesetzes, des Aufenthaltsrechtes und vielem mehr auseinander zu setzen und sich in die Aufgaben einzuarbeiten. Es wurden Kontakte zu Fachverbänden (z.B. Bundesverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge), ortansässigen Einrichtungen, den Organen der Kommune Ochtrup und dem Bürgermeister, sowie auch den Nachbarn, geknüpft. Es fanden erste Gespräche mit den zuständigen Akteuren der Jugendämter (z.B. Vormündern) statt um vorab zu einer gemeinsamen Arbeitshaltung zu gelangen. Hier sind weitere Gespräche geplant.

Und auch: wie arbeitet man mit jungen Menschen die unsere Sitten nicht kennen und unsere Sprache nicht können? Jetzt zieren viele Bilder mit geschriebenen Wörtern die Wände. Weltkarten an den Wänden sollen eine Orientierung ermöglichen. Hände und Füße kommen bei der Kommunikation zum Einsatz, Zeichnungen werden erstellt, aber auch der eigene Wortschatz des pädagogischen Teams in Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch und einige arabische Dialekte findet Anwendung.

Die Hauswirtschaftskraft setzte sich mit Speisengeboten auseinander, kümmerte sich um Rezepte, Wäscheanschaffungen, uvm. Das Haus mit den Räumen für die Betreuten, die Küche und andere Gemeinschaftsräume, Büro, etc. musste einrichtet werden, Möbel, Geschirr, Wäsche, und vieles mehr, angeschafft werden. So nebenbei konnten sicher in diesem Prozess die ersten teambildenden Strukturen abgesprochen werden.

Natürlich wurde das Haus vorher in einigen Monaten, dann aber doch sehr schnell für unsere Bedürfnisse angepasst, dazu waren umfangreiche Umbauarbeiten durch den Vermieter notwendig.

Intern haben in unserer Einrichtung bereits viele Akteure mit den jugendlichen Flüchtlingen gearbeitet, es gibt also bereits ein umfangreiches Wissen zu diesem Thema, welches jedoch gebündelt werden musste.

Ein neues Arbeitsfeld ist auch immer sehr spannend!

So mussten wir z.B. die Nachbarschaft kennen lernen. Dazu hatten wir diese am letzten Montag zu Besuch. Es waren bestimmt 20 Menschen da. Und bei Falafel und anderen Leckereien wurde viel gesprochen, Informationen ausgetauscht und auch miteinander gelacht. Die Nachbarn waren neben einigen Vorbehalten sehr aufgeschlossen dem Thema gegenüber. Einige der älteren Menschen konnten sich noch gut an eigene Erlebnisse aus der Flucht und Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg erinnern. Es wurden auch Erinnerungen darüber berichtet, dass sie selber sich damals nicht immer erwünscht gefühlt hatten und auch viel Ablehnung erfahren hatten. So konnte an dem Abend ein guter Bogen zu unserer Arbeit mit den jungen Flüchtlingen gelingen.

Wir verzichten für dieses Haus bewußt auf eine Einweihungs-Feier. Das ist darin begründet, dass viele der jungen Menschen von Traumata betroffen sind und einen sicheren Ort benötigen. Einweihungsfeiern haben auch den Effekt, dass viel Öffentlichkeit hergestellt wird. An dieser Stelle ist uns zwar die Bekanntheit des Angebotes wichtig, aber nicht die Bekanntgabe des Ortes. Wir freuen uns aber über jedes Interesse. So kann z.B. Kontakt mit mir oder zum Team aufgenommen werden und es können Fragen beantwortet werden, oder auch Besuche verabredet werden.

Und hier sind noch einige inhaltliche Informationen zu der Arbeit im Clearinghaus:

Konzeptioneller Hintergrund

Menschen aus den jeweils aktuellen Krisenherden der Welt versuchen sich selbst und ihre Familien durch eine Flucht nach Europa in Sicherheit zu bringen. Gegenwärtig befinden sich weltweit geschätzt 51 Millionen Menschen auf der Flucht – die Hälfte davon sind Kinder. Nur wenigen gelingt die Flucht nach Deutschland.

In unserem Menschenbild heißt es: wir glauben an die schöpferische Kraft des Menschen. Die Suche nach Identität, Gemeinschaft, Sinn und Glück bestimmt den Menschen wesentlich. Aus dieser Kernaussage heraus ergibt sich für uns ein Auftrag, jungen unbegleiteten Flüchtlingen einen ersten Anlaufpunkt in unserer Gesellschaft zu bieten. In unserem Pädagogischen Ansatz heißt es dazu:“ Wir wollen durch unsere Arbeit Menschen darin unterstützen, in Ihrer Selbständigkeit zu wachsen, Urteilkraft zu gewinnen und Raum zu geben. Wir wollen Menschen darin begleiten, Gemeinschaft und Beziehung gelingend zu gestalten.“

Als „unbegleitet“ gelten Minderjährige, die ohne Eltern oder Erziehungsberechtigte ins Bundesgebiet einreisen. Mit „Flüchtling“ ist jede Person gemeint, die diesen Status oder eine andere Form des legalen Aufenthalts in Deutschland anstrebt. Im Clearing-Haus werden unbegleitete Kinder und Jugendliche Flüchtlinge in Obhut genommen, da zunächst davon ausgegangen werden muss, dass jeder minderjährige Mensch auf den Schutz einer Gesellschaft angewiesen ist.

Fluchtgründe und Fluchterfahrungen sind durchgängig traumatisierend. Mit der Flucht hat zwangsläufig die Jugend ein Ende genommen. Insbesondere die Jungen sind häufig bei der Fluchtplanung einbezogen worden und hatten hier Verantwortung zu übernehmen. Sie waren während der Flucht u.a. ihren Fluchthelfern ausgeliefert. Es wird davon ausgegangen, das ein großer Anteil der flüchtenden Kinder und Jugendlichen Gewalt und zum Teil auch Missbrauch erlebt haben.

Der „Fluchtstress“ wird nach der Ankunft in Deutschland schnell zum „Exilstress“ für die minderjährigen Flüchtlinge: ungeklärter Aufenthaltsstatus, unbekannte Menschen, fremde Sprache, fremde Lebensmittel, fehlende Familie, Schuldgefühle (selbst in Sicherheit zu sein und Familie nicht), Entwurzelung und notwendige Akkulturation, gesundheitliche Folgen der Flucht und ggf. auch die Aufträge der Familie im Heimatland (… auf spätere Unterstützung). Dies sind nur einige der Stress auslösenden Faktoren.

Als langjährig in der gesamten Region tätige Einrichtung der Jugendhilfe und Jugendberufshilfe bieten sich viele Möglichkeiten einer sinnvollen Vernetzung im Zusammenhang mit der Clearingaufgabe für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Im Rahmen der Inobhutnahmen kamen auch in der Vergangenheit immer wieder unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu uns, die in der Schutzstelle und unseren anderen Einrichtungen betreut wurden. Daher gibt es bereits einen Erfahrungsschatz in diesem Aufgabenfeld.

Mehr als 30 Jahre Erfahrung im Bereich der Inobhutnahme für den Kreis Steinfurt und 4 Städten mit eigenem Jugendamt innerhalb des Kreisgebietes und darüber hinaus die Zusammenarbeit mit benachbarten Jugendämtern haben ein sehr differenziertes und tragfähiges Kontakt- und Unterstützungsnetzwerk hervorgebracht.

Abschließend möchte ich noch einmal aus unserem Leitbild zitieren: „Wir betrachten den Menschen als etwas Werdendes, der durch die eigenen Erfahrungen lernt und sich und seine Umwelt immer wieder neu entwirft.“ In diesem Sinne möchten wir unsere Arbeit so gestalten, dass jungen Menschen neue Erfahrungen in ihrem Leben in unserer Gesellschaft zugänglich gemacht werden können. Somit erhalten diese jungen Menschen die Möglichkeit - später, zu einem anderen Zeitpunkt -, auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben zu können.